Wie gründe und leite ich einen Elternkreis?

Liebe Eltern,

wir freuen uns, Ihnen einige Empfehlungen für die Gründung und Leitung von Elternkreisen in Form dieses Heftes vorlegen zu können. Sie sind aus der langjährigen Praxis der Elternkreis-Arbeit gewachsen und sollen Ihnen helfen, in aktiven und hilfreichen Elternkreisen Kraft und Ermutigung zu finden. Diese Empfehlungen haben Verantwortliche der niedersächsischen Elternkreise in Zusammenarbeit mit der Dozentin Sabine Szymanski zusammengestellt. Wir hoffen, dass sie den einen oder anderen Tipp für die Praxis nutzen können. Wenn Sie weitere Fragen haben, steht Ihnen der Niedersächsische Landesverband für Elternkreise Drogenabhängiger und -gefährdeter e.V. gern mit Rat und Tat zur Verfügung.

Wir wünschen Ihnen viel Freude an Ihrer Elternkreisarbeit!

Der Vorstand

Elternkreise: Für wen wir da sind – was wir leisten können

Die Elternkreise sind offen für Eltern und Angehörige von drogenabhängigen Kindern/ Jugendlichen/ junger Erwachsenen. Die Abhängigen selbst nehmen nicht an den Gesprächstreffen teil, wenn nur in Ausnahmefällen und dann als Gäste.

Der Erfahrungs- und Informationsaustausch hilft den Angehörigen, mit der Sucht ihrer Kinder besser umzugehen. Oft ist auch Hilfestellung beim Umgang mit Schuldgefühlen notwendig. Ein wichtiges Ziel der Elternkreisarbeit ist die Stärkung des Selbstbewusstseins der teilnehmenden Eltern. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist es selbstverständlich, Verschwiegenheit zu wahren.

Der Elternkreis kann Eltern unterstützen, er kann aber keine Patentrezepte vermitteln, um die Drogensucht der abhängigen Kinder zu beheben. Therapieplätze bzw. Einrichtungen werden von Elternkreisen nicht vermittelt.

Viele Elternkreise nehmen an Gremien der Drogenpolitik teil. Der Elternkreis ist aber eine Selbsthilfegruppe und vertritt keine parteipolitische oder konfessionelle Meinung. Elternkreise sind aber grundsätzlich offen für religiöse und weltanschauliche Fragen.
Zusammenarbeit mit anderen Organisationen ist wünschenswert, die Elternkreise bleiben aber selbständig.

Motivation: Was bringt uns zum Elternkreis? Was hält uns im Elternkreis?

Wenn jemand von der Drogensucht seines Kindes erfährt, bricht für ihn eine Welt/die Familie zusammen und er hat das Gefühl, in ein Loch zu fallen. Die Elternkreise können ihn dabei auffangen. Es ist gut zu wissen, dass es einen Kreis gibt, zu dem man gehen kann und in dem man Hilfe und Informationen erhält. Dort können die Eltern sich aussprechen, über Gefühle reden und Verständnis und Trost finden. Sie erkennen: Ich bin nicht allein.
Im Elternkreis werden alle Sorgen und Anliegen ernst genommen – schließlich kennt jeder Vater und jede Mutter die Situation der anderen Gruppenmitglieder aus eigener Betroffenheit. Hier bekommen die Eltern Wärme und Zuwendung, teilen ihr Leid und ihre Freude. Zu sehen dass es anderen nach einer Weile wieder besser geht, macht Mut auf die positive Veränderung der eigenen Situation zu vertrauen. Oftmals lässt sich der Weg im Elternkreis mit „Hinfallen-und-wieder-Aufstehen“ beschreiben.

Für einige ist der Elternkreis fast wie eine neue Familie. Dort erleben sie Wärme, Geborgenheit, Anerkennung, Fröhlichkeit, und die Erfahrung, mit ihren Fehlern akzeptiert zu werden. Viele Eltern bleiben dem Elternkreis treu, auch wenn die Probleme mit ihrem drogenabhängigen Kind gelöst sind. Sie geben gern ihre positive Erfahrung weiter, um „Neue“ zu ermutigen. Von dem Austausch und der gegenseitigen Unterstützung profitieren alle. Jeder Elternkreis arbeitet anders. Den idealen Elternkreis gibt es nicht, doch alle haben eine gemeinsame Grundlage – nämlich den positiven Geist der Selbsthilfe.

WIE GRÜNDEN WIR EINEN ELTERNKREIS?

Was brauchen wir für einen Elternkreis?

Gibt es in unserer Stadt keinen bestehenden Elternkreis, dem wir uns anschließen können, kann ein solcher durch interessierte Eltern neu gegründet werden.

Was steht am Anfang?
Am Anfang kann ein Artikel in die örtliche Zeitung gesetzt werden, um andere betroffene Eltern anzusprechen. Außerdem kann die örtliche Sucht- und Drogenberatungsstelle und die Selbsthilfe-Kontaktstelle gebeten werden, entsprechende Kontakte herzustellen bzw. das Vorhaben publik zu machen.

Wer hilft?
Erfahrene Eltern aus bestehenden Elternkreisen, zum Beispiel aus der nächsten Stadt oder aus dem Landesverband, helfen und begleiten persönlich den neuen Elternkreis in der Anfangsphase mit ihren Erfahrungen. Der Landesverband informiert über entsprechende Möglichkeiten und stellt Informations-Material zur Verfügung.

Wo findet der Elternkreis statt?
Die Gruppenabende von Elternkreisen finden beispielsweise in den Räumen der Kirchengemeinden, der Wohlfahrtsverbände, in der Drogen- oder Suchtberatungsstelle oder im Gesundheitsamt der Stadt- bzw. Kreisverwaltung statt. Suchen Sie vertrauensvoll den persönlichen Kontakt zu den jeweils Verantwortlichen. Eventuell entstehende Kosten (Raummiete, oftmals auch nur ein Zuschuss zu den Strom- und Heizkosten) werden in manchen Städten nach Antrag von der Stadt/Gemeinde übernommen.

Wie finanziert sich ein Elternkreis?
Freiwillige Zuschüsse von Stadt oder Landkreis sind in vielen Gebietskörperschaften möglich. Sie müssen in der Regel schriftlich beantragt werden. Meist muss dem Antrag eine genaue Beschreibung der Gruppenaktivitäten und der Kosten beigefügt werden. Die zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten vor einer schriftlichen Antragstellung mündlich nach den genauen Antragsbedingungen gefragt werden. Für Schriftsätze und Faltblätter geben z.B. Krankenkassen, Kirchen und Wohlfahrtsverbände ideelle Hilfe.

Einige Elternkreise haben gute Erfahrungen damit gemacht, bei größerem Finanzbedarf (etwa wegen einer größeren Informations-Aktion) Banken, Apotheken und andere Unternehmen schriftlich um Spenden zu bitten. Es sollte ein vorgedruckter Überweisungsträger beigefügt werden.
Elternkreise, die ein eingetragener Verein sind, können Spendenquittungen ausgeben. Elternkreise, die kein eingetragener Verein sind, können als Mitglieder im Landesverband Spenden entgegennehmen und über den Landesverband eine steuerabzugsfähige Spendenbescheinigung erteilen. Eine bei den Gesprächsabenden aufgestellte Sparbüchse kann zur Begleichung kleinerer Ausgaben dienen. Über alle finanziellen Bewegungen der Gruppe sollte ein Kassenbuch geführt werden.


Öffentlichkeitsarbeit

In vielen Städten und Gemeinden gibt es einen „Arbeitskreis Sucht“, in denen alle ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter der Drogenhilfe regelmäßig zum Meinungs- und Erfahrungsaustausch zusammen kommen. Eine Mitarbeit in diesen Arbeitskreisen ist auch für Elternkreise wünschenswert. Informationen über bestehende Arbeitskreise gibt es zum Beispiel in der örtlichen Drogenberatungsstelle. Der Elternkreis kann sich zudem an Suchtwochen und Selbsthilfetagen beteiligen und so seinen Bekanntheitsgrad vergrößern.

Durch Auslage von Faltblättern in der Drogenberatungsstelle, in psychologischen Beratungsstellen, in Schulen und Kindergärten, in Städtischen Ämtern wie Gesundheitsamt, Sozialamt, Einwohnermeldeamt, Jugendamt sowie bei Krankenkassen, Ärzten und in Apotheken kann die Bevölkerung informiert werden. Eventuell wäre eine persönliche Vorsprache auch bei Gericht und bei der Polizei ratsam.

Treffen des Elternkreises sollten in der Tageszeitung regelmäßig bekannt gegeben werden. Eine weitere Möglichkeit ist ein Eintrag ins örtliche Telefonbuch. Sie können auch die Journalisten Ihrer örtlichen Zeitung(en) zu einem Interview einladen. Wenn es an Ihrem Ort mehrere Zeitungen gibt, bedenken Sie bitte alle Zeitungen gleichzeitig und vergessen Sie auch kostenlose Wochenblätter (Anzeigenzeitungen) nicht.


Faltblatt/Plakat

Ein Faltblatt oder ein Plakat kann auch ohne große technische Ausstattung selbstgemacht werden. Wenn Sie eine Druckerei mit der Herstellung beauftragen, lassen Sie sich dort helfen. Wenn Sie nur eine kleine Auflage benötigen und die Vervielfältigung über den Kopierer vorgesehen ist, sollten Sie die Druckvorlage am Computer erstellen - handschriftliche Blätter wirken meist wenig professionell und nicht so seriös.
Der Entwurf sollte im Elternkreis besprochen und wenn möglich mit dem Landesverband abgestimmt werden. Wichtig ist ein eindeutiges Logo/Symbol zur Wiedererkennung. Der Text sollte kurzgefasst und Ansprechpartner und Treffpunkt deutlich sichtbar sein. Im Landesverband liegt ein farbiges Eindruckplakat vor, das den Elternkreisen als Vorbild dienen kann.


LEITUNG UND GRUPPENVERLAUF

Ist Leitung überhaupt erforderlich?
Obwohl die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Elternkreise gleichberechtigte Partner sind, hat sich eine Leitung als wichtig herausgestellt. Es besteht die Gefahr, dass Gespräche ohne Moderation unbefriedigend verlaufen, weil einige Eltern im Gespräch dominieren, andere eventuell gar nicht zu Wort kommen oder aber zeitweise alle durcheinander bzw. gleichzeitig sprechen. Die Verantwortlichen der Elternkreise verstehen sich nicht als Gruppenleiter sondern als Gruppenbegleiter. Alle Eltern tragen zum Gelingen eines Gruppentreffens bei.

Wie sollte eine Gruppenbegleitung aussehen?
Der Gruppenbegleiter sollte auf die Redezeit achten und erkennen, wie die Bedürfnisse der einzelnen Teilnehmer sind. Seitengespräche sollten in die Gruppe integriert, Informationen eingeholt und weitergegeben werden. Die Bereitschaft des Begleiters zur Weiterbildung und zur Mitarbeit in Suchtgremien ist wünschenswert.

Die Gruppenbegleiter sind innerhalb der Gruppe gleichberechtigte Partner. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, den Gesprächsverlauf zu organisieren. Sie dürfen und sollten persönlich „echt“ sein. Sie entwickeln im Laufe ihrer Tätigkeit Sensibilität für unausgesprochene Probleme und Fragen. Da sie gut zuhören, können sie auf Gemeinsamkeiten und gewonnene Erfahrungen aufmerksam machen. So machen sie Mut und unterstützen die Gruppenmitglieder. Wichtig ist, dass die Gruppenbegleiter auf diese Weise auch selbst vom Gruppengeschehen profitieren. Gruppenbegleitung ist kein "Job für´s Leben", sondern muss auch mal wechseln können.

Leitung braucht Feedback
Für die Arbeit der Elternkreise ist es wichtig, dass der Gruppenbegleiter oder die Gruppenbegleiterin nicht alleingelassen wird. Er/sie braucht den vertrauensvollen Austausch mit anderen und regelmäßige Rückmeldungen. „War ich verständlich? Habe ich die Mitglieder erreicht? Bin ich o.k.?“ sind Feedback-Fragen, die eine Leitung sich wünscht und die von der Gruppe beantwortet werden sollten. Feedback heißt in diesem Sinne nicht nur Lob und Kritik, sondern stellt vielmehr eine ehrliche, freundschaftliche Rückmeldung dar, wie alle anderen die Gruppenbegleitung erleben.

Gruppengröße
Elternkreise haben die Erfahrung gemacht, dass die kleinste Gruppe (z.B. mit drei Personen) genauso funktionieren kann wie ein großer Kreis. Wenn eine Gruppe selbst das Gefühl hat zu groß zu sein, kann nur dazu ermutigt werden, parallel oder an einem anderen Wochentag eine neue Gruppe zu gründen. Letzteres bietet den Vorteil, dass Eltern einen Ausweichtag wählen können.

Tipps zum Gruppenablauf

1. Pünktlichkeit ist wichtig, mal später zu kommen stellt aber auch kein Drama dar.
2. Des Weiteren ist eine regelmäßige Teilnahme hilfreich, allerdings wiederum keine Verpflichtung.
3. In vielen Elternkreisen gehört das vertraute „Du“ zum Umgangston. Diese Entscheidung trifft jeder Elternkreis selbst.
4. Zu den Gruppentreffen können jederzeit neue Eltern hinzukommen. Wichtig ist, dass während der Gespräche jeder von sich selbst spricht - nicht aber andere und vor allem nicht über Abwesende.
5. Um mögliche Schwellenangst zu überwinden, bieten viele Elternkreise Neuen vor dem ersten Gruppentreffen Einzelgespräche an.
6. Es empfiehlt sich außerdem, dass erfahrene Gruppenmitglieder den neuen Eltern in der ersten Zeit anbieten, Fragen auch außerhalb des Gruppentreffens zu beantworten. Hierzu werden oft Telefonnummern ausgetauscht, die auch in Krisensituationen genutzt werden können. Doch sollten sich solche „Telefonketten“ nicht verselbständigen – grundsätzlich sollte der Erfahrungsaustausch während des Treffens am Gruppentisch stattfinden.
7. Einige Elternkreise unternehmen auch außerhalb der Gesprächabende gemeinsame Aktivitäten, z.B. Grillabende, Wanderungen…
8. Viele Elternkreise sind als Verein eingetragen (e.V. g günstig für die Entgegennahme von Spenden oder Zuschüssen), andere Elternkreise sind Zusammenschlüsse ohne diese rechtliche Form.

Die Gruppensitzungen sollten von Toleranz, Ehrlichkeit und Verständnis geprägt sein. Uns leitet der Grundsatz:
Wir helfen einander beim Lernen und wir alle dürfen Fehler machen!

Was Eltern über sich selbst sagen
Die folgenden Aussagen stammen aus einem der Seminare, die der Landesverband regelmäßig mehrfach im Jahr anbietet.

Ich finde gut an mir, dass ich

... traurige Gefühle zulassen kann
... mich weiterentwickle und dieses als meinen Lebensprozess ansehe
... kompromissbereit bin
... meistens eine freundliche Ausstrahlung habe
... nein sagen kann
... Gefühle zeigen kann
... schon einige meiner Fehler akzeptieren kann
... mir etwas Gutes tun kann, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen
... allem Neuen aufgeschlossen bin
... Menschen mag
... nicht angepasst bin
... noch immer dazulernen kann und will
... ehrlich bin
... fair bin
... lieben kann
... mich annehme, wie ich bin
... Humor habe
... beginne, meine Tochter anzunehmen wie sie ist
... offener reden kann
... wieder mit dem Auto fahre und hier bin
... über meine Eigenschaften reden und mich dadurch verändern kann
... selbständig werde
... Initiative ergreife
... ruhig und gelassen sein kann
... immer mehr meine eigenen Gefühle wahrnehmen kann
... mir Eigenheiten gestatte, die ich mir früher nicht gestattet habe
... gerne lache